Peter Burkowski, Superintendent des Kirchenkreises Recklinghausen, eröffnete am 17. September 2002 mit einem Vortrag über "Kirche mit Zukunft" das Vortragsprogramm der Akademie für den diesjährigen Herbst.
In seinem Vortrag, von dem wir mit seinem Einverständnis wesentliche Gedanken wiedergeben, behandelte er vor rund 50 Anwesenden den gesellschaftlichen Wandel und die neuen Herausforderungen für die evangelische Kirche.

Digitale Fotos: Peter R. Seeber

Gleich zu Beginn seines Vortrags brachte Burkowski das Thema des Abends mit einem Zitat des hannoverschen Kirchenpräsidenten Dr. von Vietinghoff auf den Punkt: "
„Das Christentum und allemal die evangelischen Kirchen müssen in Deutschland mit deutlich weniger Menschen, deutlich weniger Finanzkraft, nachlassender stützender Stabilität durch das staatlich-gesellschaftliche Klima einerseits – den steigenden missionarischen und ökumenischen Aufgaben andererseits – gerecht werden. Diese schon jetzt dramatischen Herausforderungen werden zukünftig noch schneller wachsen. Sie verlangen nach inhaltlichem Profil und Entscheidungskraft.“
Burkowski folgerte daraus:
Deshalb haben wir uns in den vergangenen Jahren sehr grundsätzlich die Frage gestellt, wie Gottes Wort in Zukunft in dieser Gesellschaft, in dieser Welt wieder und weiter hörbar und sichtbar werden kann, welche Voraussetzungen dafür nötig sind, wo wir unser denken, unsere Abläufe und Gewohnheiten, unsere Strukturen und Organisationen verändern müssen.


Was brauchen wir für die Zukunft unserer Kirche?

Unser Glaube ist kein Glaube, der sich damit zufrieden gibt, wenn es einem im Inneren gut ist, wenn ich im stillen Kämmerlein zufrieden bin. Unser Glaube drängt mitten hinein in das Leben. Er drängt uns auch mitten hinein in unsere Welt, in die Gesellschaft, die uns umgibt und in der wir leben.

Deshalb ist unsere Kirche immer eine offene und öffentliche Kirche.

Die Zukunft unserer Kirche als offene und öffentliche Kirche bedeutet das Ernstnehmen unseres Auftrags. Als Licht der Welt und Salz der Erde, oder in anderen biblischen Bildern vom wandernden Gottesvolk – überall ist der öffentliche Auftrag in der Nachfolge Jesu Christi spürbar und verwurzelt.

Öffentliche und offene Kirche ist auch: sich in das Leben und in die Gesellschaft einmischende Kirche; eine, die sich nicht zurück- und raushält, der es nicht egal ist und niemals egal sein darf, was Menschen erleben und erleiden. Das versuchen wir durch unsere vielfältige Arbeit zu tun in der Diakonie, in öffentlichen Stellungnahmen, in der Verkündigung mit den Händen.


Nach einer kleinen Geschichte vom Brückenbauen fragte Burkowski:
Haben wir den Mut in unserer Kirche, wirklich aufzubrechen aus unserer Sicherheit, aus dieser auch Behaglichkeit und Wärme und Sicherheit gebenden Situation aufzubrechen, unser so scheinbar sicheres Ufer in den Kirchen zu verlassen und Steine in den Fluss zu legen, damit wir zu neuen und guten Erfahrungen kommen? Haben wir den
Mut zum Risiko, den Mut zum öffentlichen Christsein? Oder bleiben wir auf unserer Uferseite hocken und möchten, dass möglichst alles so bleibt wie es ist?

Wir haben ein erhebliches Kommunikationsproblem mit unseren Gemeindegliedern.
Kommunikation ist nicht nur sagen, bekennen, bezeugen, sondern auch hören, wahrnehmen, einfühlen. Das Image der Kirche ist jedoch
nicht von Zuwendung, Einfühlsamkeit und Aufgeschlossenheit geprägt. Deshalb muss sich in der Kirche viel ändern. Sie muss kommunikativer werden, aufgeschlossener, zugewandter auf allen unseren Handlungsebenen.

 


Heute stehen wir nach Ulrich Beck an einem historischen Übergang, an einem Epochenübergang in unserer Gesellschaft und vor ganz neuen Herausforderungen und Problemen: im Übergang von der Industriegesellschaft zur
Risikogesellschaft.

Eine solche Gesellschaft hat das Grundproblem, zukünftig noch mehr als heute, der Bewältigung erheblicher Risiken, die bei weiterer Steigerung des gesellschaftlichen Reichtums quasi miterzeugt werden: weltweite Umweltrisiken, grundsätzliche Unsicherheit in der Arbeitplatzsituation, weltweite Friedenssicherung, Weltwirtschaftsprobleme, Unsicherheit bei den Nahrungsmitteln. Alles Risken, die ich nicht mehr selber beeinflussen kann. In dieser Risikogesellschaft bestimmen zunehmend Angst und Verunsicherung die Menschen. Diese Angst, diese „Risikoangst“, wird zu einem immer wichtigeren Thema der Gesellschaft – und eben auch der Kirchen, insbesondere der Seelsorge und Beratung.
Menschen fragen immer stärker die Kirchen nach Seelsorge, Beratung und Begleitung. Sie fragen immer stärker nach Werten, die gelten, nach dem, was wir zu sagen haben angesichts solcher Erfahrungen. Hierauf müssen wir als Kirche insgesamt reagieren.
Wir brauchen weiterhin – unaufgebbar und grundlegend – die Sicherheit und Orientierung bietende Ortsgemeinde. Aber wir brauchen ebenso – in Zukunft mehr denn je – offenere Kommunikations- und Seelsorgeangebote, andere Beratungs- und Begegnungsmöglichkeiten als die oft von Exklusivität bestimmten Gemeindekreise. Wir brauchen evangeliumsgemäße und das heißt für mich bedingungslose Angebote an Begleitung, Beratung und Seelsorge für Menschen, die in solchen Situationen aus ihren Ängsten heraus nachfragen. Darum brauchen wir Zusammenarbeit, Schwerpunktbildungen, zuverlässige Ergänzung verschiedner Scherpunkte: hier die gut ausgestatte Kirchenmusik, dort das Angebot für Kinder, Jugendliche, Familien. Wir brauchen die Zusammenarbeit zwischen den Ortsgemeinden und den Diensten an anderen Orten. Und wir brauchen Gabenorientierung. Es müssen nicht alle alles machen. Wir brauchen Gabenorientierung nach dem Vorbild „Leib Christi“: verschiedene Gaben – ein Leib.

Die Schlüsselrolle bleibt für mich: Was ist unser Auftrag?

Eine Kirche auf dem Weg in die Zukunft wird sich immer wieder diese Frage zu beantworten haben: Was ist eigentlich unser Auftrag in dieser Gesellschaft heute? Wie beantworten wir die Fragen nach den Krisen und dem Sinn, die zunehmend gestellt werden?

Über den Glauben zu reden, das ist unser Auftrag, nicht nur sonntags auf der Kanzel als Hauptamtlicher, sondern über den Glauben zu reden in alltäglichen Bezügen, die eigene christliche Haltung und Überzeugung kenntlich zu machen im Alltag dieser Welt. Ich glaube, das ist der Schlüssel für alle Menschen, die an dieser Veränderung beteiligt sind. Hierzu brauchen wir aber auch immer wieder gegenseitige Ermutigung und Unterstützung.

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