Der Berliner wissenschaftliche Referent an der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Dr. theol. Andreas Fincke, sprach am 5. November 2002 über "Freidenker und Freigeister" - Kirchenkritische Organisationen im Aufwind - .
In seinem Vortrag, von dem wir mit seinem Einverständnis wesentliche Gedanken wiedergeben, behandelte er vor rund 50 Anwesenden den gesellschaftlichen Wandel und die neuen Herausforderungen für die evangelische Kirche.

Digitale Fotos: Peter R. Seeber

Im Jahre 2000 erschien in dem traditionsreichen Tübinger Verlag Mohr der dritte Band der neuesten Auflage des Grundlagenwerkes „Religion in Geschichte und Gegenwart“. Hier findet der Leser einen klugen und kenntnisreichen Artikel zum Stichwort „Freidenker“, der jedoch die Entwicklungen seit 1990 völlig ausblendet. Das ist kein Einzelfall. Auch andere theologische Nachschlagewerke behandeln die freidenkerischen oder freigeistigen Organisationen eher „stiefmütterlich“.

     Im Gegensatz zu manchen Kirchenkritikern glaube ich nicht, dass diese Ignoranz strategischen Überlegungen entspringt. Zu vermuten ist vielmehr, dass man in den Kirchen noch gar nicht bemerkt hat, wie interessant die Entwicklung der freidenkerischen bzw. humanistischen Organisationen in den Jahren seit der Wiedervereinigung ist.

     Um diesem Defizit etwas zu begegnen, möchte ich Ihnen heute einige Gedanken zur Entwicklung der wichtigsten freigeistigen bzw. freidenkerischen Organisationen in den letzten Jahren vortragen.
Alles was ich aufgrund der Kürze der Zeit nicht erwähnen kann, finden Sie in meiner Broschüre „Freidenker-Freigeister-Freireligiöse. Kirchenkritische Organisationen in Deutschland seit 1989“, die sich aus kirchlicher Perspektive mit den genannten Organisationen beschäftigt.
 

 

 

Die Konfessionslosen – Konfession ohne Organisation

Zahlreiche Umfragen zeigen, dass in Deutschland etwa jeder Dritte Bundesbürger mit Gott, Kirche oder Religion nur noch wenig anfangen kann. Orientiert man sich an diesen Angaben, so müsste es in Deutschland bis zu 20 Millionen Konfessionslose geben. Damit wären - nach den beiden großen Kirchen - die Konfessionslosen die drittgrößte „Konfession“. Wenn sich nur jeder Zehnte dieser Konfessionslosen sich für die Arbeit der atheistischen bzw. kirchenkritischen Organisationen interessiert, dann hätten diese ein Mitgliederpotential von 1,5 bis 2 Millionen. Es ist auffällig, dass es den freigeistigen Organisationen bisher nicht gelungen ist, dieses Potential auch nur andeutungsweise für sich zu nutzen. Alle freigeistigen bzw. kirchenkritischen Organisationen haben vergleichsweise wenige Mitglieder.

     Konfessionslosigkeit ist jedoch nicht identisch mit entschiedenem Atheismus. In den alten Bundesländern bezeichnet sich nur eine Minderheit von etwa 2 Prozent als „überzeugte Atheisten“, in den neuen Bundesländern gilt das für etwa 19 Prozent der Bevölkerung. Wenn diese Zahlen stimmen, gibt es in Deutschland also bis zu 5 Millionen überzeugte Atheisten.

     Der Atheismus hat unterschiedliche Gesichter: Es gibt einen theoretischen und einen alltäglichen Atheismus. Der theoretische Atheismus bestreitet ausdrücklich die Existenz Gottes und sucht die weltanschauliche Auseinandersetzung mit den Kirchen und Religionen. Diese Facette des Atheismus wird von wichtigen Kirchen- und Religionskritikern wie Karlheinz Deschner, Gerd Lüdemann und anderen vertreten.

     In seiner organisierten Form ist der theoretische Atheismus traditionell in kirchenkritischen bzw. kirchenfreien Organisationen wie den Freidenkern und den freigeistigen Bewegungen zu finden. Die „Szene“ dieser Vereine und Verbände ist überaus verwirrend und selbst für Insider nur schwer überschaubar. Probleme bereitet auch die Abgrenzung zwischen atheistischen, kirchenkritischen und freireligiösen Verbänden. Folglich ist es nicht leicht, einen Oberbegriff für diese Organisationen zu finden. Sie selbst bezeichnen sich als Humanisten oder – salopp – als „Freigeister“ und reklamieren für sich den Terminus „freigeistige Bewegungen“. Weit verbreitet ist auch die Rede von den „Konfessionslosen“ oder (neuerdings) „Konfessionsfreien“. Die Bezeichnung „Konfessionslose“ ist allerdings problematisch, weil sie den Eindruck erweckt, die Betreffenden würden an nichts glauben und keinerlei geistige bzw. ethische Bezugsgröße haben. Das ist jedoch nicht zutreffend. Vielmehr reklamieren maßgebende Vertreter für sich sogar die Zugehörigkeit zu einer „humanistischen Konfession“.

     In Deutschland sind fast alle freigeistigen Bewegungen in drei großen Dachverbänden organisiert. Sie bilden die drei Säulen, auf denen die öffentliche Wirksamkeit der Bewegung ruht: Es handelt sich um die Freidenker (Deutscher Freidenker-Verband e. V., Sitz Dortmund), den Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) und den Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW).  Daneben gibt es noch kleinere und lokal begrenzte Initiativen, die mitunter nur wenige Mitglieder haben, aber dennoch erstaunliche Aktivitäten entfalten.  Es handelt sich um  den Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), den Verein Jugendweihe Deutschland und die Humanistischen Union.

 

 

Der HVD als „Kirche der Kirchenfernen“?

Klar profilieren konnte sich der 1993 in Berlin gegründete Humanistische Verband Deutschlands (HVD) als Dachverband der Konfessionslosen. Zwar ist auch seine Mitgliederbasis (noch ?) relativ bescheiden, das Erscheinungsbild des Vereins und seine politische Arbeit sind jedoch von ernstzunehmender Ausstrahlungskraft.

     Die Stärke des HVD dürfte darin liegen, dass er keine atheistische oder kirchenkritische Weltanschauungsgemeinschaft im traditionellen Sinn sein will, sondern sich vielmehr um praktische Lebenshilfe in einem bestimmten weltanschaulichen Kontext bemüht. Damit trägt der HVD dem Zeitgeist Rechnung, welcher derzeit für große Weltanschauungsgemeinschaften nicht günstig ist. Wohl aber gibt es einen gewaltigen Bedarf an Hilfe zur Lebensbewältigung und das ständig wachsende Bedürfnis nach gestaltenden Elementen für das Leben.

     Ob der HVD zu einer ernsthaften Konkurrenz für die Kirchen werden könnte, bleibt abzuwarten. Polemisch könnte man den HVD als die „Kirche der Kirchenfernen“ apostrophieren.

 

Und die Kirchen?

Die Kirchen sollten der weltanschaulichen Konkurrenz mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen.
     Gerade die Entwicklung des HVD ist ein wichtiges Indiz für die Veränderungen in der religiösen Landschaft in Deutschland, für die fortschreitende Säkularisierung und für das Anwachsen des Atheismus. Die freigeistigen bzw. humanistischen Organisationen sind gewiss nicht die Vertreter der Konfessionslosen, aber sie stehen ihnen in vielem nahe. Wenn die Kirchen wieder neu mit den Kirchenfernen ins Gespräch kommen wollen, dann müssen sie auch fragen, was die Kirchenfernen denken. Letztlich geht es um die Frage nach der Wahrheit und darum, wie gelingendes Leben sich konstituiert. Insofern sind die Kirchen und die Organisationen der Konfessionslosen eben doch - Konkurrenten.

zurück zum Inhaltsverzeichnis