Peter Borggraefe
, Recklinghausen

 

"Christianus Gerson aus Recklinghausen
und Johannes Buxtorf aus Kamen -

zwei Beispiele humanistischer Gelehrsamkeit im Reformationszeitalter"

Im Februar 1998 wurde mir von einem Bochumer Antiquariat ein 1659 in Erfurt gedrucktes Buch zum Kauf angeboten. Es trug den Titel: „Der Juden Thalmud, fürnembster Inhalt und Widerlegung“. Dabei handelte es sich nicht um eine Übersetzung des Talmud-Textes, sondern um einen Talmud-Kommentar mit einer Kritik aus christlicher Sicht. Verfasser dieses Buches war Christianus Gerson. Der Buchtitel benennt ihn mit „Christianum Gerson von Recklichhausen, geborenen Juden und getauften, wiedergeborenen Christen“. Es war unschwer festzustellen, dass mit der Ortsbezeichnung „Recklichhausen“ die Stadt Recklinghausen gemeint ist. Hier wurde Christianus Gerson am 1. August 1569 als Sohn des Meier Biberbach geboren. Gerson war sein Vorname, nicht sein Familienname. Seine Familie hielt sich nicht lange in Recklinghausen auf, sondern verzog nach Franken, wo Gerson an verschiedenen Orten des Stiftes Bamberg die Schule besuchte. Seine Ausbildung zum Talmud-Gelehrten erhielt er u. a. in Fulda und in Frankfurt a. M. Anschließend war er als Lehrer der biblischen und talmudischen Schriften in Frankfurt und an anderen Orten in Hessen tätig. Ab 1593 lebte er in verschiedenen Gemeinden am unteren Niederrhein, u. a. in Essen, wo er auch heiratete. Von Essen aus zog er wieder in seine Geburtsstadt Recklinghausen und lebte hier bis Ende 1598. Neben seiner Tätigkeit als Talmud-Gelehrter verdiente er seinen Lebensunterhalt als Pfandleiher und Geldwechsler. Im Jahre 1598 gab eine Nachbarin bei ihm ein Neues Testament „versione Lutheri“ in Zahlung. Das sorgfältige Studium dieses Neuen Testaments war der Anlass zu seinem Entschluss, Christ zu werden und zum evangelischen Glauben überzutreten. Familiär führte dieser Entschluss zu einem schweren Konflikt. Denn seine Frau weigerte sich, den Übertritt zum evangelischen Christentum mit zu vollziehen, so dass die Ehe geschieden wurde. Dies war einer der Gründe, weshalb Gerson noch 1598 Recklinghausen verließ. Ein weiterer Grund waren die Auswirkungen der fortschreitenden Gegenreformation in Recklinghausen, durch die evangelische Christen zur Abwanderung gezwungen wurden.

     Gerson wurde am 16. Oktober 1600 in der St.-Martini-Kirche zu Halberstadt auf den Namen Christian getauft. Seinen alten Vornamen Gerson behielt er als Familiennamen bei. Nach seinem Übertritt zum Christentum studierte Christianus Gerson an der Universität Helmstedt evangelische Theologie und wurde schließlich in Bernburg in der Nähe von Halle / Saale evangelischer Pastor, wo er am 25. September 1622 starb.

     Gerson war ein bedeutender humanistischer Gelehrter seiner Zeit. Sein Hauptwerk „Der Juden Thalmud, fürnembster Inhalt und Widerlegung“ erschien erstmals 1607 und erlebte bis 1722 insgesamt sieben Auflagen. 1610 brachte Gerson unter dem Titel „Chelec oder Thalmudischer Judenschatz“ die erste deutsche Übersetzung eines Teils des jüdischen Talmuds heraus. Die Schriften Gersons sind einerseits geprägt durch die gängigen christlichen Vorurteile gegenüber den Juden und ihrer Religion, zumal Gerson sich nach seinem Übertritt zum Christentum auch als besonders „linientreu“ zeigen wollte. Andrerseits ist bei ihm aber auch das Bestreben der Humanisten nach Authentizität der Überlieferung von Glaubensinhalten zu spüren. Letztlich wollte er mit seiner Talmudübersetzung seinen christlichen Zeitgenossen authentische Informationen über die religiösen Sitten und Gebräuche der Juden vermitteln.

     Dies war auch das Anliegen von Johannes Buxtorf. Buxtorf wurde 1564 in Kamen / Westfalen geboren. Sein Vater war dort evangelischer Pastor und sein Großvater, Dr. Severinus Buxtorf, fast 30 Jahre lang Bürgermeister gewesen. Johannes Buxtorf studierte in Marburg, Herborn und Heidelberg evangelische Theologie und orientalische Sprachen und wurde 1591 ordentlicher Professor für Hebraistik an der Universität Basel. Diesen Lehrstuhl behielt er inne bis zu seinem Tode im Jahre 1629. Johannes Buxtorf und Christianus Gerson standen als Fachgelehrte in brieflichem Kontakt. Buxtorf selbst war als Universitätsprofessor und Verleger hebräischer Schriften vermutlich der wichtigste Wissenschaftler seiner Zeit für die orientalischen / semitischen Sprachen. In der Zeit von 1603 bis 1861 sind etwa 120 Ausgaben seiner Bücher erschienen. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit lag in der Erarbeitung und Veröffentlichung hebräisch-lateinischer Lexika, hebräischer Grammatiken und von Lehrbüchern der hebräischen Sprache. Dabei umfasst der Begriff „hebräisch“ die Fülle der damals bekannten semitischen Sprachen. Sein bekanntestes Werk ist das „Lexicon Hebraicum et Chaldaicum“, erstmals erschienen 1607 und vielfach neu aufgelegt bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. In den Jahren 1618/1619 veröffentlichte Buxtorf mit der vierbändigen „Biblia Rabbinica“ die erste jüdische Fassung des Alten Testaments, die im deutschen Sprachraum gedruckt wurde.

     Christianus Gerson aus Recklinghausen und Johannes Buxtorf aus Kamen waren bedeutende Wissenschaftler ihrer Zeit, deren Bücher über mehr als 100 Jahre gedruckt und gelesen wurden. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind sie aber unverdientermaßen in Vergessenheit geraten. Vor allem in ihren beiden Heimatstädten sind sie so gut wie unbekannt, obwohl es in Kamen immerhin eine Johannes-Buxtorf-Straße gibt und ein Johannes-Buxtorf-Haus, das Gemeindezentrum der evangelischen Kirchengemeinde Kamen-Süd. Um so bemerkenswerter ist es, dass man sich im westlichen Ausland ihrer wieder erinnert und sich mit diesen Humanisten wieder befasst. So erschien in Leiden und New York 1996, herausgegeben von der „ American Society for Church History“ eine umfangreiche Monografie über Johannes Buxtorf. Sie stammt von dem in Lincoln / Nebraska lehrenden Professor Stephen G. Burnett und trägt den Titel: „From Christian Hebraism to Jewish Studies, Johannes Buxtorf (1564 – 1629) and Hebrew Learning in the Seventeenth Century“. Im April des Jahres 2000 fand in Philadelphia ein Kongreß statt, der sich mit den bedeutendsten Hebraisten in Europa im Zeitalter der Renaissance (u. a. Buxtorf) befasste. An diesem Kongress nahmen außer Prof. Burnett weitere 30 Wissenschaftler aus den USA, aus Großbritannien und aus Israel teil. Bemerkenswert an diesem Kongress ist nicht nur das wiedererwachte Interesse an den vergessenen Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts; wichtiger ist die Tatsache, dass in der wissenschaftlichen Diskussion im westlichen Ausland offenbar eine Neubewertung des Verhältnisses von Juden und Christen in Europa während der frühen Neuzeit stattfindet. Nicht mehr der „grade Weg“ vom christlichen Antijudaismus in den modernen Antisemitismus steht im Vordergrund der Bewertung. Man erkennt vielmehr, dass der Ruf der Humanisten „ad fontes“, „zu den Quellen“ Wege öffnen und über die authentische Information zu einem kulturellen Verständnis des „Anderen“, des „Fremden“ führen konnte und auch geführt hat. In dieser neu aufgebrochenen, wissenschaftlichen Diskussion wird der Kamener Johannes Buxtorf als positives Beispiel ausdrücklich erwähnt. Wenn man sich mit Gerson näher befasst, kann man bei ihm eine vergleichbare Rolle in seiner Zeit feststellen.

     Als ich vor knapp zwei Jahren die erste Fassung dieses Textes verfasste, geschah dies unter dem Eindruck, dass deutsche Wissenschaftler an dieser Diskussion noch nicht beteiligt waren. Ich hielt dies für sehr bedauerlich, weil es doch gerade in der aktuellen Diskussion um Toleranz oder Fremdenfeindlichkeit von großem Wert sein konnte, positive Beispiele für das Verhältnis von Juden und Christen in unserer Region aufzeigen zu können.

     Dies hat die Evangelische Akademie Recklinghausen bewogen, Herrn Professor Stephen G. Burnett zu einer Reihe von Vortragsveranstaltungen ins Ruhrgebiet einzuladen. Die Vorträge fanden in der Zeit vom 28. bis 30. Mai 2001 in Recklinghausen, Bochum und Kamen statt. Herr Burnett hat seine Vorträge selbstverständlich in deutscher Sprache gehalten. Die „Vestische Zeitschrift“ veröffentlicht in dieser Ausgabe in Abstimmung mit der Evangelischen Akademie die amerikanische Originalfassung.

     Professor Dr. Stephen G. Burnett lehrt an der University  of Nebraska / Lincoln NE, und zwar am Department of History und am Department of Classic and Religious Studies. Er ist Jahrgang 1956 und wurde am 6. Oktober 1956 in Madison im US-Staat Wisconsin geboren. Nach Beendigung seiner Schulzeit studierte er an der University of Wisconsin / Madison; dort promovierte er im Jahre 1990 im Fach „Hebräische und Semitische Studien“. In seiner wissenschaftlichen Laufbahn spezialisierte er sich auf die europäische Theologie und Geistesgeschichte der Renaissance und des Barockzeitalters und hier insbesondere auf das Verhältnis zwischen Juden und Christen in Theologie und Bibelexegese im 16. und 17. Jahrhundert. Professor Burnett weilte mehrmals zu Studien- und Forschungsaufenthalten in Deutschland und in der Schweiz. So verbrachte er 1985/86 ein Jahr an der Universität Münster in Zusammenarbeit mit den beiden bekannten Theologen Prof. Dr. Karl Rengstorf und Prof. Dr. Martin Brecht. Im Sommersemester 2001 war Herr Burnett Gastprofessor am Historischen Seminar der Universität Hannover und von September 2001 bis Ende Juli 2002 am Moses-Mendelssohn-Institut der Universität Potsdam.


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