Am 16 April 2002 sprach Frau Professorin Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn aus Bochum in der Evangelischen Akademie Recklinghausen über "Von Natur aus ganz anders" oder "Eigentlich doch ganz gleich"? - Gemeinsames und Unterschiedliches im Miteinander der Geschlechter -.
Frau Dr. Mogge-Grotjahn ist Professorin für Soziologie am Fachbereich Sozialpädagogik der Evangelischen Fachhochschule in Bochum und Prorektorin der Hochschule.
     Dieser Vortrag fand in der Christus-Kirche als Begleitveranstaltung zu der dort stattfindenden Ausstellung "Frauen gestalten Frauengestalten" statt, die vom Frauenreferat des Kirchenkreises und der Ev. Kirchengemeinden Recklinghausen-Altstadt durchgeführt wird.
     Wir zeigen einige fotografische Schnappschüsse vom Abend und dokumentieren einige Aussagen aus dem Redemanuskript.

Digitale Fotos: Peter R. Seeber

Frau Prof. Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn spricht vor rund 100 Damen und Herren in der Recklinghäuser Christus-Kirche

 

"Dass bestimmte Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit tief verwurzelt und oft viel stereotyper sind als das reale Leben, liegt an dem eingangs schon erwähnten "kulturellen System der Zweigeschlechtlichkeit". Wir alle wachsen vom ersten Tag unseres Lebens in diesem System auf, das weit über die Erziehungs- und Bezugspersonen hinaus bestimmte Botschaften enthält, mit denen wir uns auseinander setzen und die wir allmählich zu unserer eigenen Identität verarbeiten. Dass sich die weiblichen Botschaften stärker verändert haben als die männlichen, liegt daran, dass der Veränderungsdruck historisch und auch aktuell stärker von den Frauen als von den Männern ausging bzw. ausgeht. Denn solange die Identitäten und Lebensentwürfe zu den gegebenen Strukturen „passen", gibt es keine Probleme. Schwierig wird es erst, wenn es zu Diskrepanzen kommt. Und die Kluft zwischen sozialen und ökonomischen Strukturen einerseits, subjektiven Wünschen, Lebensentwürfen und Identitäten andererseits ist bei Frauen häufig größer als bei Männern."

 

Am Büchertisch von rechts: Ilse Maethner, Pfarrerin Martina Gregory und eine Besucherin

Auch Maria Montessori hört zu

     
"So sind die - durch Schule und Ausbildungseinrichtungen, durch Medien und Werbung, durch Familie und Freundesgruppen u.v.a.m. vermittelten "Botschaften" hinsichtlich der weiblichen bzw. männlichen Identität und Normalbiographie für Männer historisch gesehen relativ ähnlich geblieben (wenn man einmal von Dimensionen wie "soldatischen Tugenden" o.ä. absieht).
Sie lauten etwa:
< Du sollst und wirst sowohl einen Beruf als auch eine Familie haben. Du musst etwas leisten, damit Du Deine Familie ernähren kannst und möglichst aufsteigen, damit Du gut angesehen bist. Wenn Kinder da sind, wird Deine Frau ihre Berufstätigkeit unterbrechen oder reduzieren. Ansonsten aber wird sie zum Familieneinkommen beitragen, damit Ihr Euch etwas leisten könnt, und damit sie zufrieden ist. Deine größte Bedrohung ist die Arbeitslosigkeit - dann ist Dein Ansehen futsch, Du bist kein richtiger Mann mehr, Deine ganze Familie ist vom Abstieg bedroht, Du stehst als Versager da. Etwas Gefühl kannst Du Dir ruhig leisten, das wird sogar erwartet aber nicht zuviel, damit Du nicht als Weich-Ei dastehst ... >
Die Frauen-Botschaft dagegen ist im Laufe der Geschichte immer komplexer und widersprüchlicher geworden.
Sie lautet heute etwa so:
< Du sollst und wirst sowohl einen Beruf als auch eine Familie haben. Aber Du kannst die Familie nicht ernähren. Und Du musst zusehen, wie sich die beruflichen, häuslichen und familiären Anforderungen miteinander vereinbaren lassen - das ist Dein Problem, denn Dein Mann ist vom Beruf voll beansprucht. Stellst Du den Beruf in den Vordergrund, bist Du eine Rabenmutter. Stellst Du die Familie in den Vordergrund, verpasst Du den Anschluss an die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Du gewinnst Ansehen und Identität einerseits durch die Arbeit andererseits durch die Familie - betonst Du eine Seite davon zu stark, bist Du entweder „Karrierefrau" oder „Nur-Familienfrau", auf jeden Fall keine richtige, moderne Frau. Auf den Mann als Ernährer kannst Du Dich aber heutzutage auch nicht mehr verlassen, also musst Du wenigstens eine eigenständige Grundsicherung erreichen. Also: mach' eine Ausbildung, aber keine allzu lange; such' Dir einen Bereich, in dem Du Teilzeit arbeiten und / oder unterbrechen kannst; nimm einen Beruf, wo Du Dich nicht dauernd gegen eine männliche Übermacht durchsetzen musst bzw. achte darauf, nicht als „Emanze" verschrien zu werden; balanciere die verschiedenen Ansprüche irgendwie aus, und vor allem: sei modern, aber trotzdem 'weiblich'! ..."















Im Altarraum: die Referentin am Ambo zwischen den Figuren von Katharina Staritz (li.) und Jeanne d´Arc (re.)


"Hinzu kommt dass die Weiblich- und Männlichkeits-Botschaften nicht nur unterschiedliche Vorstellungen von Biografie und Identität enthalten, sondern auch unterschiedliche Bewertungen mit transportieren. Diese Bewertungen sind zwar längst nicht mehr so offenkundig wie noch bis in die 70er Jahre hinein, sondern untergründiger, aber doch äußerst wirksam. Gerade die Gleichheits-Forderung, so richtig und notwendig sie auch in Hinblick auf die rechtlichen und materiellen Bedingungen der Existenz war und ist, beinhaltet eine doppelte Bewertungsfalle:
     Erstens macht der Hinweis auf das „Genau so" die eine Seite zum Maßstab, zu dem, woran die andere Seite gemessen und angeglichen werden soll. Mädchen/Frauen dürfen, zumindest solange es nicht wirklich ganz ernst wird, fast das „Gleiche" wie die Jungen und Männer - nur umgekehrt wird kein Schuh daraus. Das fängt bei ganz banalen Alltagsdingen an: Dass ich hier im Hosenanzug stehe ist mittlerweile „normal" (meiner Mutter wurde noch von meinem Vater untersagt, Hosen zu tragen) - aber ein männlicher Referent im Kostüm? Mädchen „dürfen" auch Hosen tragen, aber Jungen im Rock? - geht weiter über den Berufsbereich: Frauen in „Männerberufen" ja, aber Männer in „Frauenberufen"? - und findet seine Grenzen, wo es an das große Geld, an die Zentren der ökonomischen, politischen und militärischen Macht geht.
     Zweitens verlockt sie dazu, den kritischen Blick auf das zu Verlieren, woran denn gemessen und angeglichen wird: ist das, was sich historisch als männlich-normal entwickelt hat, wirklich so anstrebenswert und attraktiv? Wie hoch ist der Preis der „Gleichheit" in Anbetracht der Trennung von Arbeit und Leben, Leib und Seele, Rationalität und Emotionalität?
     Die Antwort kann aber nicht das Beharren auf der traditionellen „Differenz" sein, denn dann würden diese falschen Polaritäten erneut verfestigt und lediglich umbewertet. Gleichheit im Sinne von gleichen Chancen und gleicher Bewertung kann also nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für ein neues Verständnis von Weiblichkeit und Männlichkeit sein. Bleibt es bei der Gleichheitsforderung, um die Ungerechtigkeit der Differenz zu überwinden, so verlieren beide Geschlechter an Entwicklungsmöglichkeiten. Dabei stelle ich mir kein androgynes Einerlei vor, sondern dass die ganze Fülle des Lebens Männern und Frauen offen steht."
 


Freude nach getaner Arbeit, nach dem gelungen Abend, bei dem für die Ausstellung verantwortlichem Ehepaar Martina Gregory und Eugen Soika mit der Referentin Prof. Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn 

Ins Gästebuch der Akademie schrieb Frau Mogge-Grotjahn:

Ein Plädoyer für die Entfaltung der ganzen Fülle des Menschseins - 
nicht "Differenz oder Gleichheit",
sondern Vielfalt, und das für Frauen und Männer gleichermaßen.

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