Dr. Manfred Stolpe, seit 1990 Ministerpräsident des Landes Brandenburg und davor von 1982 bis 1990 Konsistorialpräsident der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und bis 1989 einer der beiden stellvertretenden Vorsitzenden des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, sprach am 18. März 2002 bei der Evang. Akademie Recklinghausen über "Brandenburg in einem größeren Europa".
    Vor der Veranstaltung im "Haus des Kirchenkreises, an der um 18.00 Uhr rund 130 Personen teilnahmen, trug sich der Ministerpräsident auf Einladung des Recklinghäuser Bürgermeisters
Wolfgang Pantförder in das Goldene Buch der Stadt Recklinghausen ein
und sprach vor den zeitgleich tagenden Ratsmitgliedern der Stadt ein Gruß- und Dankeswort.
     Wir zeigen einige fotografische Schnappschüsse vom Abend und dokumentieren einige Aussagen.

Digitale Fotos: Peter R. Seeber

Auf den Rathausstufen wartet ein Fernsehteam und macht ein kurzes Interview zu aktuellen brandenburgischen Fragen

 

Im Zimmer des Bürgermeisters: von links Georg Möllers (CDU), MP Stolpe, Jochen Weber (SPD), Christel Dymke (Bündnis 90/DIE GRÜNEN)

Ministerpräsident Stolpe spricht vor dem Rat der Stadt

     

Original-Texte von Ministerpräsident Dr. Stolpe:

Ich bin in der Tat angeworben worden von Regine Hildebrandt. Wer sie mit erlebt hat, der weiß, dass man sich dem eigentlich gar nicht entziehen konnte. Sie hat gesagt: „Da musste hin!". Und ich hab’s auch gerne getan, weil wir aus Brandenburg auch eine Vielzahl von Kontakten nach Nordrhein-Westfalen haben. Es ist mit ein Verdienst von Johannes Rau gewesen, damals Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, dass Nordrhein-Westfalen und Brandenburg 1990 eine Partnerschaft begründet haben. Wir haben davon stark profitiert.

     Wenn man gelegentlich darüber nachdenkt, wo sind wir eigentlich jetzt in der deutschen Einheit, dann kann ich nur mit Freuden sagen: wir haben deutlich mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt, auf dem wir 1990 angetreten sind, und von dem wir wussten, dass es darum geht, eine große Zahl von Rückständen, von Schwierigkeiten, von Unterschieden abzubauen.

     Wir haben inzwischen im Land Brandenburg, verglichen mit den anderen ostdeutschen Ländern, das höchste Pro-Kopf-Steueraufkommen, wir haben die höchste Arbeitsproduktivität, wir haben eine Vielzahl von Neuansiedlungen vornehmen können, auch international, und wir haben, worauf ich auch sehr stolz bin, viele Tausende Neugründungen von kleinen mittelständischen Unternehmen. Und wir sind auch ganz froh darüber, dass wir das einzige ostdeutsche Land sind, wo die Bevölkerung leicht steigt.

     Dass wir diesen Stand erreicht haben, das hat vor allen Dingen zwei Gründe. Das eine ist die breite finanzielle Unterstützung, die wir aus dem Westen Deutschlands erfahren haben und noch erfahren. Das zweite ist die personelle Unterstützung, ist die Tatsache, dass es viele Tausende von Frauen und Männern aus dem Westen gegeben hat, die Aufbauhilfe geleistet haben. Bei einer solchen Gelegenheit wie hier heute Abend auch einmal „Danke" sagen zu können für das, was wir an Unterstützung erfahren haben, ist mir ganz wichtig.

     Ich muss Ihnen bekennen, ich halte sehr viel von solchen Gesprächsmöglichkeiten und Begegnungen wie hier, weil ich doch die Sorge habe: wir sind in der Gefahr, in Deutschland-Ost und in Deutschland-West noch ein bisschen nebeneinanderher zu leben. Wir haben noch viel voneinander zu erfahren.


Wir haben zwei Besonderheiten noch in Brandenburg. Das eine ist, dass wir die schöne große Stadt Berlin mitten im Lande haben. Das ist ein großer Vorteil für uns. ... Wir haben uns vorgenommen, dass diese beiden Länder Berlin und Brandenburg, die historisch ja ein Land waren, wieder zusammengeführt werden sollten. Da haben die Brandenburger erst einmal gemauert. ...

     Die zweite Besonderheit, das ist unsere östliche Nachbarschaft. Wir haben eine 250 km lange gemeinsame Grenze mit Polen. Und wir haben uns 1990 von Anfang an entschlossen, daraus eine möglichst offene Grenze zu machen, eine Grenze, die zu beider Nutzen gestaltet werden kann. Wir haben mit Misstrauen auf beiden Seiten angefangen. ... Aber wir haben heute einen Stand erreicht, wo man sagen kann, dass es doch so etwas wie eine europäische Normalität geworden ist.

     Wir haben über 100 Millionen Grenzübertritte jährlich in beide Richtungen. Wir haben in den letzten Jahren viele Kommunal-Partnerschaften geschlossen. Es gibt  keine brandenburgische Stadt, die nicht mit irgendeiner Stadt in Polen eine Partnerschaft hat. Sie können kaum noch ein brandenburgisches Stadtfest erleben, wo nicht die polnischen Partner mit dabei sind und da für Stimmung sorgen.
     An Schulpartnerschaften haben wir inzwischen über 300 ständige und Jugendaustausch liegen wir neben Nordrhein-Westfalen in Deutschland an der Spitze. Wir glauben, das ist eine ganz wichtige Geschichte. Und was mir auch ganz besonders wichtig ist: die Zahl von jungen Deutschen, die bereit sind polnisch zu lernen, hat zugenommen. Wir haben zum Teil schon Probleme mit zu wenig Lehrern dafür. Die jungen Leute bei uns kapieren, dass es einfach Sinn macht, auch für sie selber und für ihre beruflichen Möglichkeiten, wenn sie die Sprache der Nachbarn beherrschen. Wir haben inzwischen fünf Gymnasien, die bilingual sind. Und wir haben vor allem in Frankfurt an der Oder eine Europa-Universität, die Viadrina, in der ein Drittel der Studentinnen und Studenten aus Polen kommen. Und die polnische Seite hat auf der anderen Oder-Seite ein Collegium Polonicum eingerichtet, das sehr eng zusammenarbeitet mit unserer Universität. Unsere Erfahrungen haben sich dann weiter noch verdichtet in Euro-Regionen, die gebildet worden sind, nach dem Beispiel an der Westgrenze.
     In der Zwischenzeit hat sich hier auch eine sehr enge wirtschaftliche Zusammenarbeit ergeben. Polen ist inzwischen für Brandenburg der größte europäische Außenhandelspartner. ... Wir haben inzwischen etwa 1.200 wirtschaftliche Kooperationen vermittelt. Das geht  zu beider Nutzen und ist uns vor allem deshalb auch wichtig, weil wir auf die Art und Weise schon so ein bisschen im Vorgriff auf die Erweiterung der Europäischen Union hier einerseits Ängste abbauen und andererseits Bedingungen organisieren, die das Ganze für beide Seiten erträglich machen. ...
     Wir haben das auch in die brandenburgische Verfassung hineingeschrieben als eine Verpflichtung des Landes, weil wir gesagt haben, dass wir in der DDR die Chance bekommen haben, wieder frei im gemeinsamen Deutschland zu leben. Das hat viel auch mit dem Stolz und dem Freiheitswillen der Polen zu tun. ...

     Ich bin davon überzeugt: Gorbatschow auf der einen Seite, aber eben auch dieses Aufbegehren, nicht nur Stillhalten und Gucken, wie es wird, sondern wirklich auch Aufbegehren, das hat mit dazu beigetragen, dass wir diese Veränderung erreicht haben. ... Ich kann Ihnen auf grund meiner Erfahrung nur bestätigen: Wenn dieses Polen ein Vollmitglied ist der Europäischen Union, wird es sicher noch hier und da Problemchen geben, aber fürs Ganze ist es eine Bereicherung. Es werden gute Partner auch für uns Deutsche sein.

 

 


Viele Fragen in der lebendigen Aussprache, z. Bsp. zu LER:

Stolpe:
LER ist bei uns ein Bildungsangebot, entwickelt noch zu DDR-Zeiten, aber nicht eingeführt damals. Ich bin sogar ein Mittäter dabei, weil ich damals noch in kirchlicher Verantwortung erlebt habe, wie wenig die Mehrheit der jungen Leute überhaupt etwas wusste von Kirche und Christentum. ... Wir haben ein Bildungsangebot als Pflicht für alle, das in der Wendezeit auch von den Bischöfen mit beschlossen wurde: Lebenskunde, Ethik, Religion. Religionsunterricht kann von den Kirchen für jeden, der es will, gemacht werden. Nach den Klagen vor dem Verfassungsgericht werden wir es nun machen, wie es das Verfassungsgericht vorgeschlagen hat. Sie können sicher sein, dass Religionsunterricht in den Schulen sein kann. Wir werden das finanziell mit unterstützen. Wir haben schon jetzt nicht weniger prozentualen Religionsunterricht in Brandenburg als in unseren Nachbarländern Sachsen-Anhalt und Mecklenburg. Wir haben uns mit den Kirchen darüber verständigt. Wir haben da wieder ein bisschen Frieden.

 

Das schrieb Dr. Stolpe in unser Gästebuch:

"Dank der Ev. Akademie Recklinghausen für den langjährigen Brückendienst zwischen Ost und West. Sie leisten damit eine wichtige Hilfe zum wechselseitigen Verständnis und stützen die alte Weisheit:
Es ist besser miteinander als übereinander zu reden.
Bitte setzen Sie diese Hilfe für Deutschland fort!
Ihr Manfred Stolpe"


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