Am 12. November 2001 hatte die Ev. Akademie Recklinghausen die Dortmunder Pfarrerin Anne-Kathrin Koppetsch zu Gast. Was für eine junge Theologin durchaus ungewöhnlich ist - sie stellte ihren ersten Krimi "Blei für den Oberkirchenrat" vor.

Im Folgenden veröffentlichen wir, versehen mit einigen Fotos von der Veranstaltung, mit Einverständnis der Autorin die bisher unveröffentlichte Tragikomödie
"Aus dem Leben einer Kirchenbank", mit der Anne-Kathrin Koppetsch den Abend beschloss.

Warum soll man auf unseren Internet-Seiten nicht auch mal schmunzeln? 

Von dieser Lesung gibt es eine Tonaufnahme, von der eine Kopie unter info@evakre.de erbeten werden kann.

Digitale Fotos: Peter R. Seeber

Aus dem Leben einer Kirchenbank
Tragikomödie in drei Episoden
von Anne-Kathrin Koppetsch

Episode I: Pfarrer Mäßig
Oder: Zum Kirchenschlaf eignet sich nicht jede Bank

Der Talar hing an seinem gewohnten Platz. Direkt neben dem Kirchenportal.

Der Pfarrer steckte noch drin. Das war eher ungewöhnlich.

Blass war er ja schon immer gewesen. Aber jetzt war er besonders bleich. Sozusagen verblichen.

Dieses Osterfest war sein letztes gewesen.

Ich hatte ihm ein solches Ende nicht gewünscht. Aber ich hatte es kommen sehen.

Vielleicht sollte ich mich kurz vorstellen: Gestatten, mein Name ist Kirchenbank.

Oh nein, nicht irgendeine Kirchenbank, sondern die vorletzte direkt vor der Reihe mit den Gesangbüchern. Die beliebteste aller Kirchenbänke mit zwei Plätzen direkt vor dem Pfeiler.

Seit Generationen haben Schulräte und Apotheker auf meinem erlesenen Eichenholz ihren Kirchenschlaf gehalten.

Noblesse oblige.

Aber ich schweife ab.

Zurück zu Herrn Pfarrer Mäßig.

Letztes Jahr an Trinitatis wurde er eingeführt. Er war der Erwählte, ausgewählt unter 87 Bewerbern. Beim Vorstellungsgespräch musste er den Glanztag seines Lebens gehabt haben. Danach ging es leider bergab. Für die Gemeinde war er, vorsichtig ausgedrückt, eine Enttäuschung.

Wenn Pfarrer Mäßig das Evangelium in seinen Bart leierte, himmelte nicht einmal die Frauenhilfsleiterin ihn an. Müde schleppte er sich nach dem Eingangslied zum Altar. Das Schuldbekenntnis: „Ich armer, elender, sündiger Mensch ..." passte auf ihn wie die Oblate auf den Silberteller. Er hatte einfach keinen Sexappeal. Die hoffnungsvolle Kindergärtnerin verlobte sich kurz nach seiner Einführung mit dem Klempner.

Presbyter Müller schlief regelmäßig schon vor der Predigt ein. Auf seinem Lieblingsplatz – auf mir, wenn ich das bescheiden anmerken darf - schnarchte er ungestört vor sich hin.

Die Proletenbänke vorne am Altar waren schon lange leer. Wenn der Chor sang, kamen wenigstens zehn Leute zusammen. Dann waren Küster und Kantor wenigstens nicht die einzigen Gottesdienstbesucher.

Ostersonntag dann kam es zum lange erwarteten Eklat.

Pfarrer Mäßig sang wie üblich die Liturgie. Das Halleluja hatte der Kantor für Mäßigs Brummstimme bereits eine Terz herab gesetzt. Aber nicht mal die traf er.

An Ostersonntag notlandete er in Bäh-Dur. Die Kirchenmaus quietschte auf. Die Orgel brach ab. Der Kantor tobte. „Sie elender Wicht, Sie Dilettant, was fällt Ihnen ein, alles machen Sie kaputt, ja, wie konnten Sie denn nur Pfarrer werden – das würde ich ja besser machen. Sogar der Küster." Verächtlich wies er mit dem Kinn nach unten neben die Taufschale. Küster und Kantor konnten sich noch nie leiden.

Presbyter Müller schreckte aus dem Schlaf auf. Der Tourist, der sich verirrt hatte, zückte begeistert die Kamera – und die taube Oma Maria nickte mit dem Dutt: „Jesses. Das hätte es früher nicht gegeben."

Pfarrer Mäßig stand belämmert vor dem Altar.

Der Kantor tobte weiter, bis der Krankenwagen kam.

Das war Ostersonntag.

Am Ostermontag hing Mäßigs Talar neben dem Kirchenportal – nebst Inhalt, wie bereits berichtet.

Der Ostermontags-Gottesdienst fiel leider aus. Und auch die weiteren, weil es jetzt keinen Pfarrer mehr gab.

Übrigens: der Kantor war es nicht gewesen, sondern die Kindergärtnerin. Der Klempner hatte sie verlassen. Sie erwartete nun den nächsten Kandidaten für das Pfarramt.

Episode II: Pfarrerin Polikor
Oder: Wie sich eine Legende bildet
Der nächste Kandidat war eine Kandidatin.

Es kam eine Pfarrerin, Frau Polikor. Frau Dr. Polikor.

Eigentlich war Frau Dr. Polikor ein Fräulein Doktor. Sie war unverheiratet. Nur, das nutzte der Kindergärtnerin auch nichts – falsches Geschlecht, sozusagen. Die Kindergärtnerin wechselte zur AWO.

Ungeachtet ihres fremdländisch klingenden Namens kam Frau Polikor aus dem Sauerland.

Sie wurde an Erntedank eingeführt. Zu ihrem Einstand besorgte sie gleich ein neues Abendmahlsgerät: auf dem Altar prangte nun ein Kelch aus Recycling-Blech mit der Aufschrift:„Ich war eine Bundeswehrkeksdosenbüchse."

Von der Gabe verderblicher Lebensmittel zum Erntedankfest sollten die Gottesdienstbesucher dieses Mal absehen. Anordnung von Pfarrerin Polikor.

Gefragt waren stattdessen Dosen und Konserven für einen Hilfstransport nach Mazedonien. Leider hatten nicht alle Gemeindeglieder das entsprechende Flugblatt gelesen. Und die Lokalzeitung druckte die Neuigkeit wie immer drei Tage zu spät.

So hatte dann eine alte Frau Birnen mit gebracht. Das bescheidene Papiertütchen mit dem angefaulten Obst fand der Küster zwei Wochen später unter dem Waschbecken auf der Toilette.

Eine siebenköpfige Familie hatte Käse mitgebracht. Die Kinder deponierten ihn unter der Heizung. Dort muffelte er vor sich hin. Ich konnte es von meinem Platz aus genau sehen. Die anderen sahen den Käse nicht. Erst Monate später – nein, nicht was sie denken, an den Heizkosten wurde ja neuerdings auch gespart – erst Monate später fand ein Krabbelkind den Käse unter der kalten Heizung. Und biss hinein. Mit Blaulicht wurde das Kleine ins Krankenhaus gefahren. Lebensmittelvergiftung.

Frau Dr. Polikor entpuppte sich rundherum als Reformerin: die Weihnachtskerzen spendete sie dem Altenheim. Der Weihnachtsbaum wurde zu einem Weiterleben in der freien Natur begnadigt. Die Kinder nannten ihn Theodor und bauten einen Schneemann daneben. Zur Gesellschaft.

Das Abendmahl feierte die Gemeinde nun mit verdünntem Traubensaft – natürlich aus dem Bioladen.

Meine Wenigkeit aus edlem Eichenholz war plötzlich auch nicht mehr gefragt. Der wollsocken-leinenbekleidete Polikor-Fanclub mit Haarsträhnen grau-in-grau setzte sich im Kreis um den Altar.

So wurden die Kirchenbänke noch weniger genutzt als sonst.

Dieses Mal waren der Küster und der Kantor sich ausnahmsweise einig: Frau Doktor Political Korrektness mochten sie nicht.

Sie überlegten, auf welche Art sie sie los werden konnten.

Sie arbeiteten einen komplizierten Schlachtplan aus.

Frau Dr. Polikor trank üblicherweise den Rest des Traubensaftes nach dem Abendmahl aus. Es sollte ja nichts umkommen.

In der Sakristei wollten Küster und Kantor in eine der Saftflaschen für das Abendmahl heimlich Wein füllen. Statt verdünntem Saft würde die Pfarrerin Wein in sich hineinschütten. Sie würde sich mit einer prächtigen Alkohol-Fahne von der Gemeinde verabschieden. Besonders wirkungsvoll wäre ein solcher Auftritt in der Fastenzeit, wenn sich die gesamte Gemeinde auf Drängen von Frau Polikor zur Abstinenz verpflichtet hatte. Der Abschied nach dem Gottesdienst würde ein Abschied für immer werden.

Doch dann kam alles anders.

Frau Dr. Polikor war plötzlich verschwunden. Küster und Kantor überlegten, ob ihnen ein Gemeindeglied mit der Beseitigung von Frau Polikor zuvor gekommen war.

Die Polizei ermittelte. Die Mordkommission wurde eingeschaltet. Ohne Ergebnis. Pfarrerin Polikor blieb verschwunden.

Und so wurde die erste und einzige gemeinsame Aktion des Küsters und des Kantors vereitelt. Frau Doktor Polikor wurde in unserer Gemeinde zur Legende. Sehr zum Ärger der Mitarbeiter.

Episode III - Pfarrer Schwinger
Oder: Das tragische Schicksal einer Kirchenbank
Die Pfarrstelle war wieder vakant.

Dieses Mal nahm sich die Gemeinde mehr Zeit bei der Auswahl eines neuen Pfarrers. 27 Kandidaten und neun Kandidatinnen ließ sie zum Gespräch kommen. 23 Probepredigten über sich ergehen. Danach nahm sie sich vier Monate Zeit für die Wahl.

Nach eineinhalb Jahren Vakanz kam Pfarrer Schwinger. Pfarrer Schwinger hatte fünf Kinder, sieben Katzen, zwei Papageien und einen irischen Hütehund. Ach ja, und eine Frau. Sie managte die Großfamilie, leitete die Krabbelgruppe und eine Theatertruppe. Sie engagierte sich beim Verein für Mehrfach-Müll-Vermeidung und betreute in ihrer Freizeit Schüler mit stressbedingten Teilleistungsstörungen.

Pfarrer Schwinger gründete einen Besuchsdienst. Er fuhr die Jugendlichen durch die Gegend und sang zur Gitarre am Lagerfeuer.

Mit dem Kinderchor probte er ein Musical. Hunderte von Eltern strömten durch das Kirchenportal zum Familiengottesdienst. So voll war die Kirche noch nie gewesen.

Die Gemeinde war glücklich.

Ich, die Kirchenbank, war es weniger. Denn Zeit zur Muße und Meditation blieb mir nicht mehr. Ja, ich konnte nicht einmal meinen gewohnten Freitag-Frühabendschlaf halten. Drei Mal die Woche probte die Band. Bässe wummerten durch den Kirchenraum und erschütterten die alten Pfeiler. Mein Holz vibrierte wie Wackelpudding. Nein, mein Geschmack war das alles nicht. Aber mich fragte ja niemand.

Pfarrer Schwinger war anfangs sehr beliebt. Später vernahm man hier und da kritische Stimmen, etwa: „Wie kreativ unser Pfarrer ist. Allerdings, die Toiletten stinken. Er müsste doch nur mal den Klempner anrufen." Oder: „Jetzt war doch schon wieder die Zeitung im Gottesdienst, Sie wissen schon, als die drei Zirkus-Elefanten zu Besuch waren. Dieses Blitzlichtgewitter! Da kann man gar nicht richtig beten. Und nächsten Sonntag kommt die afrikanische Tanztruppe." Und sie steckten die Köpfe zusammen und rümpften die Nase.

Ein Jahr später wurde eine gut bezahlte Schwerpunktpfarrstelle eingerichtet. Eine Pfarrstelle für kreative Gottesdienste. Pfarrer Schwinger bewarb sich. Leider kam er zum Vorstellungsgespräch zu spät. Er hatte verschlafen.

Sein Konkurrent hingegen war pünktlich. Er war farblos, aber diszipliniert. Er bekam die Stelle. Er schrieb seitenweise Konzepte und verschickte Hefte mit Vorschlägen für die Gottesdienstgestaltung. Niemand beachtete sie. Aber sie störten auch nicht. Sie landeten ungelesen im Altpapier.

So blieb Pfarrer Schwinger der Gemeinde erhalten und ich wurde weiter durch die Band gestört. Schwinger baute eine Kinder-Kirche aus Legosteinen, gestaltete den Sakralraum zum Sinnenraum mit Lichtreflexen und Aromazonen um und legte einen Zoo im Gemeindehaus an. Alles war in bester Ordnung.

Bis der Konkurrent ins Landeskirchenamt wechselte.

Pfarrer Schwinger bekam die Stelle für kreative Gottesdienste.

Von da an musste der Ärmste Weiterbildungen leiten und Konzepte schreiben. Tag für Tag quälte er sich am Computer. Er kam ständig zu spät und bekam seine Konzepte nie fertig.

Die Zootiere im Gemeindehaus verwahrlosten, der Sinnenraum am Altar verfiel. Man roch wieder die Toiletten. Die Legostein-Kinderkirche verwitterte. Nur die Band probte regelmäßig weiter, sehr zu meinem Missvergnügen.

Pfarrer Schwinger wurde bleich und bleicher. Er wirkte lustlos. Die Kinder wurden erwachsen und gingen aus dem Haus. Seine Frau trennte sich von ihm.

Man sah ihn immer seltener. Ein Schatten huschte manchmal durch den Flur oder am Friedhof vorbei.

Schließlich landete auch Pfarrer Schwinger im Landeskirchenamt. Man sah ihn gar nicht mehr.

Die Pfarrstelle war wieder vakant.

Dieses Mal beschloss das Landeskirchenamt, die Stelle nicht mehr frei zu geben.

Der Kirchenraum wird nun umgewidmet zu einer Kleinkunstbühne. Popelige Stühle und – völlig indiskutabel! - Sitzkissen sollen mich, die adelige Kirchenbank, ersetzen. Was ist nur aus dem christlichen Abendland geworden.

Und so stehe ich jetzt im Abstellraum, während nebenan die Handwerker bohren und schleifen.

Man hat mich vergessen.

Mein ehemals glänzendes, glatt poliertes Holz ist stumpf und verstaubt.

Es heißt, ich solle demnächst bei einer Auktion versteigert werden.

Undank ist der Welt Lohn.

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