Am 29. Oktober 2001 sprach im "Haus des Kirchenkreises" in Recklinghausen Prof. Dr. Ulrich Lüke aus Aachen über das aktuelle biologische und ethische Thema "Auf dem Weg zum perfekten Menschen?" - Biotechnologie und christliches Menschenbild - . Über 130 Zuhörerinnen und Zuhörer hörten gespannt den Ausführungen dieses Biologen und katholischen Theologen, der von 1980 bis 1992 Priester in Recklinghausen-Suderwich und Studienrat am Petrinum war, zu.

Da eine Zusammenfassung seines Vortrages an dieser Stelle nicht möglich ist, geben wir am Ende dieser Fotoseite mit Einverständnis des Referenten seine 12 Leitsätze zum Schnittbereich von Biotechnologie und Theologie wieder, die seinem Vortrag zu Grunde lagen.

Von diesem Vortrag gibt es eine Tonaufnahme, von der eine Kopie unter info@evakre.de erbeten werden kann.

Digitale Fotos: Peter R. Seeber

 
Über 130 Vortragsbesucherinnen und -besucher hörten im überfüllten großen Saal vom "Haus des Kirchenkreises" die sachlichen, informativen und weitgehend verständlichen Ausführungen von Professor Dr. Ulrich Lüke

 



Prof. Dr. Ulrich Lüke während seines Vortrags

 



Prof. Dr. Ulrich Lüke trägt sich in das Gästebuch der Ev. Akademie ein.

 


Zwölf Leitsätze zum Schnittbereich von Biotechnologie und Theologie

Professor Dr. Ulrich Lüke, Aachen

1   Man kann und muss über die moralisch-ethische Vertretbarkeit, Erlaubtheit oder gar Empfehlbarkeit gentechnologischer und reproduktionsmedizinischer Techniken diskutieren, weil Wert und Würde des Menschen durch sie gewahrt oder aufs Spiel gesetzt werden können und weil angesichts globalisierter Forschung keine Institution durch rein autoritative Weisungen Verbote aussprechen kann, es sei denn, sie brächte dazu gewichtige Argumente vor.

2   Als Mensch ist das Wesen anzusehen, das vom Menschen durch natürliche Zeugung oder In-vitro-Fertilisierung abstammt oder durch Klonung herstammt, also über ein zur Lebensfähigkeit hinreichendes menschliches Erbgut verfügt. Diese Aussage gilt unabhängig von etwaigen Behinderungen dieses Menschen. Gleichwohl ist der Mensch nicht mit seinem Genom gleichzusetzen, auch wenn er fraglos durch dieses biologisch zu identifizieren ist.

3   Wenn man biologisch fixieren will, was natürlicherweise den Menschen zum Menschen macht, dann muss man vom doppelten Chromosomensatz in einer Keimzelle, also von der befruchteten Eizelle ausgehen. Es gibt in der menschlichen Ontogenese kein eindeutigeres, sichereres und präziseres Lebensanfangsdatum als die Karyogamie. Wenn man das Leben von Anfang an schützen will, sollte man nicht auf Kandidaten von geringerer Plausibilität setzen (Individuation, Nidation, Ende der Organogenese, Hirntätigkeit etc.), da sie interessierten Kreisen zur Aufweichung ethischer Standards dienen.

4   Wie ein Mensch "produziert" wurde, kann also nicht relevant für die Anerkennung seines Rechtsstatus als Mensch sein. Gleichwohl kann nicht unterschiedslos jede "Produktionsart" als ethisch-moralisch akzeptabel oder tolerabel gelten- Schließlich nimmt auch die Zeugung eines Menschen im Akt der Vergewaltigung dem so entstandenen Menschen nichts von seiner Würde, ohne dass dadurch auch nur im Entferntesten die Vergewaltigung gerechtfertigt würde.

5   In Bezug auf den intrauterinen wie auch auf den extrauterinen Embryo oder Fötus ist festzuhalten: Der Embryo oder Fötus entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern als Mensch. Der Raum, in dem er sich jeweils befindet, z. B. im Uterus oder außerhalb desselben, rechtfertigt keinen Unterschied hinsichtlich seines Schutzstatus. Die derzeitige ekklatante Divergenz in der Gesetzgebung bezüglich Embryonenschutz und Schwangerschaftsabbruch ist ethisch nicht zu begründen

6   Weder die Biologie, noch die Medizin gibt uns ethische Grundsätze vor. Das Wissen darum, wie etwas gemacht werden kann, sagt uns nichts darüber aus, ob es gemacht werden soll und darf oder nicht. Propagiert wird derzeit die Vulgärlogik-. Erlaubt ist, was gelingt; der Erfolg hat Recht und schafft Recht. Bereitstehende Forschungseinrichtungen und das Vorhandensein von Forschungsgeldern sind schon wegen des Phänomens der „Drittmittelprostitution" kein Beleg für die Erlaubtheit und ethische Beanstandungsfreiheit einer bestimmten Biotechnologie, Schlüsse der genannten Art sind sicher ethische Fehlschlüsse.

7   Es bedarf einer außerbiologischen und außermedizinischen Instanz, um Wert und Würde des Menschen in den Blick zu bekommen und zu begründen. Mit den Mitteln der Präimplantations- und Pränataldiagnostik allein ist Wert und Würde des Menschen prinzipiell nicht zu bestimmen. Die theologische Annahme, dass der Mensch Geschöpf Gottes ist, verleiht ihm bleibend Wert und Würde. Für diesen Wert und diese Würde des entstandenen Menschen ist es unerheblich, ob er aus Vergewaltigung, Klonung, IvF und ET, oder ob er als gentechnisch verändertes Wesen entstanden ist-

8   Die Einmaligkeit eines Menschen, auch wenn er Teil einer durch Klonung bewerkstelligten „Serienauflage" ist, ist genau wie bei eineiigen Mehrlingen unabhängig von der Anzahl genetisch gleicher Individuen. Sie resultiert im letzten aus seiner Einmaligkeit und Unvertretbarkeit vor Gott- Selbst zwei zeitlebens miteinander lebende eineiige Zwillinge haben eine unterschiedliche Biographie und Unverwechselbarkeit vor Gott. Bei aller genetischen Gleichheit leben sie doch an unterschiedenen Raum- Zeit-Stellen und damit in unterschiedlichen Welten und mit unterschiedlichen Lebensgeschichten.

9   Die Arbeit mit pluripotenten (Stamm-)Zellen, aus denen zwar bestimmte spezialisierte Gewebetypen, aber kein ganzer Mensch zu rekonstruieren ist, muss als Bedingung seiner Erlaubtheit und ethischen Beanstandungsfreiheit einer therapeutischen Zielsetzung dienen und sollte einer weisungsbefugten Ethik-Kommission, die nicht nur aus Naturwissenschaftlern besteht, zur Prüfung vorgelegt werden.

10   Der Schutz menschlichen Lebens hat dort zu beginnen, wo eine totipotente Zelle mit doppeltem Chromosomensatz gegeben ist, und zwar unabhängig davon, ob die Totipotenz durch natürliche oder künstliche Fertilisierung einer Eizelle erreicht wurde oder durch Despezialisierung des Kerns einer ausdifferenzierten somatischen Zelle bei ihrer Implantierung in eine entkernte Eizelle. Dieser Schutz muss auch für die kryokonservierten, der In-vitro-Fertilisierung entstammenden Waisen gelten.

11   Wie weit die gentechnische Veränderung des Menschen zu einem Hybridwesen mit natürlich vorkommenden oder künstlich erzeugten Gen-Sequenzen gehen kann, ohne den Status des Menschseins zu zerstören, ist nicht absehbar- In jedem Fall soll der gentechnische Eingriff sich ausschließlich auf somatische Zellen und auch hier nur zu therapeutischen Zwecken beschränken.

12   Die Theologie muss derzeit den Weg vom faktischen Forschungsgegenstand zur Erhellung des ethisch Normativen gehen, ohne irgendeiner behaupteten Normativität des Faktischen den Segen zu erteilen. Dass die ethische Bewertung sehr oft zeitlich gesehen sekundär ist, darf nicht dahingehend missverstanden werden, sie sei es auch bedeutungsmäßig. Alleinvertretungsansprüche der Empiriker sind nicht gerechtfertigt, Ethikbegründungen per Mehrheitsbeschluss unzureichend, Letztbegründungen der Theologen und Philosophen vielleicht nicht möglich oder nur schwer vermittelbar- Versuche dieser Art sind aber nötig zur Konstituierung und Stabilisierung humaner Ethikstandards.

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