Fotoseiten


Der 1. Weltkrieg - die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Prof. Dr. Bernd Faulenbach, stellv. Direktor des Forschungsinstitutes Arbeit, Bildung, Partizipation in Recklinghausen, war am 8. September 2004 im "Haus des Kirchenkreises" der erste Referent im Herbstprogramm 2004 der Ev. Akademie Recklinghausen. 90 Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieges referierte er über diese "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts".
        Wir zeigen einige Fotos vom gut besuchten Abend, den Peter Borggraefe moderierte, und veröffentlichen mit Einverständnis des Referenten die Gliederung und das Resümee des Vortrags.

Digitale Fotos: Peter R. Seeber

Blick in den gut gefüllten großen Saal im
"Haus des Kirchenkreises"
 

Peter Borggraefe bei der Begrüßung

 

 

 


Der amerikanische Historiker und Diplomat George Kennan hat den Ersten Weltkrieg als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Er hat damit sagen wollen: hier begann ein Geschehen mit katastrophischem Charakter, das die weiteren Katastrophen des 20. Jahrhunderts präformiert hat; die folgenden Katastrophen resultierten aus dieser ersten Katastrophe. Andere meinen, dem Ersten Weltkrieg eher die Rolle eines „Katalysators“ für die weitere Entwicklung zuschreiben zu sollen, eine Begrifflichkeit, die stärker darauf abhebt, das es eine Vorgeschichte gab, verschiedene, nicht zuletzt pathologische Tendenzen, die durch den Ersten Weltkrieg verstärkt wurden, ihren Durchbruch erlebten. Um die These von der „Urkatastrophe“ zu überprüfen, gilt es dementsprechend, den Ersten Weltkrieg mit dem 19. Jahrhundert (das zweifellos im Ersten Weltkrieg zu Ende ging) auf der einen Seite und mit dem 20. Jahrhundert, das Eric Hobsbawm als das „Zeitalter der Extreme“ bezeichnet hat, andere als Epoche des Totalitarismus bezeichnet haben, in Beziehung zu setzen.

 

Dementsprechend möchte ich wie folgt vorgehen:

·        zunächst gilt es den Ersten Weltkrieg, wesentliche Charakteristika dieses Krieges, skizzieren,

·        in einem zweiten Schritt ist der Frage nachzugehen, inwieweit im Ersten Weltkrieg das 19. Jahrhundert bzw. bestimmte Tendenzen zum Ziel kommen, womit die andere Frage verbunden ist: Was ging mit dem 19. Jahrhundert im Ersten Weltkrieg zu Ende?,

·        in einem dritten Schritt möchte ich nach den Folgen des Ersten Weltkrieges fragen,

·        in einem vierten Schritt sollen Zusammenhänge zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Aufstieg faschistischer Bewegungen, insbesondere des Nationalsozialismus auf der einen Seite und dem Sowjetkommunismus auf der anderen Seite beleuchtet werden,

·        abschließend ist die These, dass im Ersten Weltkrieg ein zweiter Dreißigjähriger Krieg (Hans-Ulrich Wehler) begann, zu erörtern und die Ausgangsfrage nach der „Urkatastrophe“ zu beantworten.
 

                                                        

 

Lassen Sie mich ein knappes Fazit ziehen:
1)     Der Erste Weltkrieg beendete abrupt das „lange“ 19. Jahrhundert, in dem es einige seiner pathologischen Tendenzen enorm steigerte, insbesondere den Nationalismus und die imperialistischen Ziele der Mächte. Er war der letzte europäische Hegemonialkrieg, der freilich in einen Weltkrieg umschlug.
2)     Der Erste Weltkrieg veränderte die politischen Kulturen in Europa. Mit ihm zog ein Zeitalter der Ideologien, der Gewalt und des Terrors herauf. Insofern war er die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, die vielfältig nachwirkte.
3)
     Der Erste Weltkrieg führte zu keiner tragfähigen Friedensordnung. Die Auflösung der K.u.K-Monarchie schuf mehr Probleme als er löste: die neuen Staaten waren keine Nationalstaaten, in denen es zwischen der Mehrheitsnationalität und den Minderheiten vielfach tief greifende Spannungen gab. Die deutsche Öffentlichkeit akzeptierte weder die Gebietsabtretungen noch die nationalitätenpolitischen Konsequenzen. Zudem lehnte sie die Kriegsschuldthese ab.
4)
     Das Heraufziehen neuer extremistischer Kräfte, die untereinander verfeindet waren, doch sich beide im Ersten Weltkrieg herausgebildet bzw. verstärkt hatten, trat keine nachhaltige Pazifizierung der Staatenwelt ein, auch waren die neuen Demokraten, die 1918/19 entstanden, dem Ansturm der Extreme nicht gewachsen. Der Begriff „dreißigjähriger Krieg“ ist ein unzureichender Begriff für die Zeit von 1914 bis 1945, weil er die Interferenz verschiedener Prozesse zudeckt und die Rolle der totalitären Kräfte nicht abbildet. Doch keine Frage: die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts war die Voraussetzung für die noch größere Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts. Dieses Geschehen war mehr als eine bloße Fortsetzung des Ersten Weltkrieges.

 

 


 

Er schrieb ins Gästebuch:
"Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zwingt immer wieder zu neuer Auseinandersetzung, insbesondere dann, wenn Neues erlebt worden ist. Wir stehen mitten in einem Prozess der Diskussion bisheriger Interpretationen. Wir haben heute Abend versucht, ausgehend vom Ersten Weltkrieg, Grundfragen deutscher Geschichte zu erörtern. Aus meiner Sicht ein interessanter Abend, für den ich dankbar bin.
Bernd Faulenbach"

 

 

zurück zum Inhaltsverzeichnis