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Am 2. März 2004 setzte sich mit einer rund einstündigen Rede Dr. Reinhard Höppner, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt von 1994 - 2002 und künftiger Präsident des Ev. Kirchentages 2007 in Köln, vor rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörern der Ev. Akademie Recklinghausen mit den "Medien als lärmender Säule der Demokratie" auseinander.
Wir zeigen Fotos vom Abend und geben mit seinem Einverständnis wesentliche Aussagen des Referenten aus seinem Redemanuskript wieder.

      

Dr. Reinhard Höppner beim Vorgespräch, hier mit Reinhard Wahnes (li.) und Peter Borggraefe (re.) vom Vorstand der Akademie
 


 

 

 

 

 

 

Digitale Fotos: P.R.Seeber

 

 

 

 

 



Gespräch in der Pause mit Dr. Klaus Diebel

 


 

Dr. Reinhard Höppner, Magdeburg

"Die Medien als lärmende Säule der Demokratie"

Vortrag in Recklinghausen am 2. März 2004 - gekürzt fürs Internet

Zwei Lebensadern der Demokratie

Rufen wir uns zunächst zwei Grundelemente unserer Demokratie in Erinnerung. Alle Macht geht vom Volke aus, heißt es im Grundgesetz. Und das Volk übt seine Macht vor allen Dingen in Wahlen und Abstimmungen aus. Zugegeben - immer verdrossener, weil keiner mehr so recht den Eindruck hat, man könne durch solche Abstimmungen wirklich noch etwas beeinflussen.

Die Demokratie lebt von mündigen Bürgerinnen und Bürgern, die doch mindestens so viel von der sie umgebenden politischen Welt verstehen, dass sie die Welt mit ihrer Wahlentscheidung wenigstens ein bisschen in die eine oder andere Richtung bewegen möchten. Demokratie lebt von mündigen Bürgerinnen und Bürgern, die mitreden und mitgestalten wollen. Das aber setzt voraus, dass ihnen die dazu notwendigen Informationen zuteil werden und sie sich untereinander auch darüber verständigen können.

Demokratie braucht öffentliche Kommunikation. Die Medien haben in der Demokratie also eine Aufgabe. Und damit haben sie eine besondere Verantwortung für unsere Demokratie.

Die Medien und der Markt

Wir haben die Medien dem Markt ausgeliefert. Klar ist, auf diesem Markt soll Geld verdient werden. Entsprechend wichtig sind Auflagenhöhen und Einschaltquoten, denn Geld verdienen lässt sich nur mit großen Auflagenhöhen bei den Zeitungen und guten Einschaltquoten bei den elektronischen Medien. Es soll Werbung verkauft werden, denn damit wird das Geld verdient. Und weil Werbung sich nur verkaufen lässt, wenn man sie in Unterhaltung einpackt, darum wird um die Werbung herum ein Unterhaltungsprogramm gestrickt. Und zu solcher Verpackung gehört eben auch ein Stück Politik.

Unter diesem Aspekt ist verständlich, dass natürlich auch Politik möglichst unterhaltsam sein muss. Und so verstärkt sich der Trend, dass auch politische Sendungen und Beiträge immer mehr zu Unterhaltungssendungen verkommen. Die Aufgabe, über politische Sachverhalte zu informieren und im besten Sinne aufzuklären, diese Aufgabe, die die Medien in einer Demokratie mindestens auch haben, diese Aufgabe tritt immer mehr in den Hintergrund zugunsten des Unterhaltungswertes solcher Sendungen.

Politik verkommt zu Unterhaltung, und das kann nicht ohne Folgen für unsere Demokratie und Gesellschaft bleiben.

Weil Marktgesetze etwas mit Wettbewerb und Konkurrenz zu tun haben, kommt mit der technischen Revolution in den Medien verstärkt eine neue Komponente hinzu. Es ist die Schlacht um die aufregendste Schlagzeile. So wird die Lärmkulisse der Medien immer lauter. Entsprechend grob wird der Umgangston. Die Sensibilität der leisen Töne ist dem Untergang geweiht. Genau das meine ich, wenn ich von der lärmenden Säule der Demokratie spreche.

Die Macht der Medien

Nun haben die Massenmedien durchaus eine Macht, auch wenn sie das gelegentlich herunter zu spielen versuchen. So, wie die Politikerinnen und Politiker ihre Macht von den Wählerinnen und Wählern haben, so haben die Massenmedien ihre Macht von ihren Lesern und Zuschauern. Mächtiger sind gelegentlich nur noch die Anzeigenkunden von großen Anzeigen, denn wenn die ausbleiben, kostet das richtig Geld. Die also darf man nicht verärgern.

Medien haben Macht vor allem dadurch, dass sie durch die Auswahl der Nachrichten und Meldungen die Wichtigkeiten bestimmen. Darin liegt ihr größter Einfluss.

Und damit bin ich nach Monopolisierung und größerer Auswahlverantwortung beim dritten objektiven Machtzuwachs der Medien: es ist die Wirkung von Bildern. Bilder gehören inzwischen zum festen Bestandteil jeder Kriegführung. Die Kameraleute auf dem Schlachtfeld sind wichtiger als die Kanoniere. Das Ereignis vom 11. September 2001 hätte nur einen Bruchteil der Wirkung entfaltet, wenn nicht ständig wieder die Bilder von den brennenden Türmen des world-trade-center gezeigt worden wären. Davon lebt auch der Terrorismus. Und die Wirkung von Bildern macht sich auch die Politik zunutze.

Die Politik und die Medien

Politiker sind auf die Medien angewiesen. Über Medien vermittelt sich, was Politiker wollen oder tun. Mehr noch, Öffentlichkeitsarbeit ist zu einem Bestandteil von Politik selbst geworden. Wer wie in den Medien vorkommt, entscheidet über Macht und Ohnmacht von Politik. Und weil Politiker kaum Einfluss auf die Wirkungsmechanismen der Medien haben, sind sie gezwungen, sich ihren Spielregeln anzupassen. Mit anderen Worten: Wer nicht schlägt, bekommt keine Schlagzeilen. Und wer keine Schlagzeilen bekommt, der ist nicht wichtig. Und wer nicht wichtig ist, der wird nicht gewählt. Das Ergebnis ist eine Verrohung der Umgangsformen. Sachliche Auseinandersetzung findet nicht mehr statt. Das Publikum wendet sich angewidert von einer solchen Politik ab. Politikverdrossenheit ist eine Folge dieser Spielregeln.

Eine andere Folge, die insbesondere etwas mit der Wirkung von Bildern zu tun hat, ist die Zunahme von symbolischer Politik. Wer um die Wirkung von Bildern weiß, muss darauf achten, dass er die richtigen Bilder produziert. Manchmal stimmen die Symbole, auch wenn sie nicht vorher ausgedacht sind. Willi Brandts Kniefall im Warschauer Getto war ein solches Symbol.

Eine Fülle von politischen Veranstaltungen findet nur statt, damit am nächsten Tag darüber etwas in der Zeitung steht oder das symbolträchtige Bild gesendet wird. Ich behaupte sogar, die Mehrzahl politischer Veranstaltungen ist von dieser eher propagandistischen Natur. Inhaltlich wird dabei nichts bewegt. Gewinner ist, wer die einprägsamsten Bilder produziert.

Drei Mechanismen der modernen Medienwelt möchte ich noch erwähnen, die einer funktionierenden Demokratie großen Abbruch tun.

Das erste ist das Tempo, in dem Nachrichten heute produziert und übertragen werden.

Das zweite hat wohl mit der Jagd nach Schlagzeilen zu tun. Es ist zu einer zunehmenden Unsitte geworden.

Ein drittes, worunter die Verständlichkeit von Politik angesichts der herrschenden Mediengesetze leidet. Die Welt wird immer komplizierter, die Fähigkeit der Menschen aber, einer etwas längeren Erklärung eines Sachverhaltes zuzuhören, wird immer geringer. Das Ergebnis: Politiker sollen die kompliziertesten Sachverhalte möglichst in 30 Sekunden erklären. Unangemessene Vereinfachungen sind die Folge. Die wiederum geben dem politischen Gegner genug Stoff, eine polemische Gegenposition zu beziehen. Am Ende weiß keiner mehr so recht, woran er ist.

Der Vorwurf der Medienschelte

Wenn ein Politiker diesen Sachverhalt darstellt, bekommt er schnell den Vorwurf der Medienschelte. Es geht aber nicht um Schuldzuweisungen. Es geht darum, sich Entwicklungen bewusst zu machen. Wenn man diese Entwicklungen nicht versteht, versteht man irgendwann die Welt nicht mehr. Und wenn die Bürgerinnen und Bürger die Welt nicht mehr verstehen, dann ist die Demokratie am Ende, dann ist ihr der Boden unter den Füßen weggezogen.

Unbestreitbar ist: Die Freiheit der Massenmedien ist unverzichtbar für eine funktionierende Demokratie. Die entscheidende Frage ist, wie Verantwortung für unsere Demokratie von allen Beteiligten wirklich wahrgenommen wird. Beteiligte sind dabei keineswegs nur Politiker und Journalisten. Beteiligte sind auch die Medienunternehmen einschließlich ihrer Ausbildungsstätten und die Konsumenten, die Bürgerinnen und Bürger selber. Was ist zu tun?

Aufgaben

Ich habe dafür kein Rezept. Zu kompliziert sind die Verhältnisse. Aber ich will wenigstens fünf Punkte benennen, die mir wichtig erscheinen.

7.1. Achtet mir auf den Erhalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems. Es lebt nicht von Werbung und ist infolgedessen viel weniger den Marktgesetzen ausgeliefert. Es darf und muss anders sein als die privaten Fernsehsender. Diese besondere Qualität sollte uns allen mindestens so viel wert sein wie das Abonnement einer Tageszeitung.

7.2. Zu viele Journalisten reden und schreiben inzwischen über Dinge, die sie selber nicht mehr verstehen. Wo die Politikredaktionen zerschlagen werden und das eigene Nachdenken über die darzustellenden Probleme - oft aus Kostengründen - eingestellt wird, da kann der Trend zur Oberflächlichkeit nicht gestoppt werden. Man darf die Ausbildung der Journalisten auch nicht nur den Medienunternehmen überlassen, die die jungen Leute dann schon interessengeleitet ausbilden. Dann wird die Philosophie des Hauses gleich mit gelernt. Ohne eine gute, senderunabhängige Ausbildung wird die Misere nur größer. Jeder Arzt muss eine staatliche Prüfung ablegen, ehe er praktizieren darf. Handwerker müssen einen institutionell anerkannten Meisterbrief machen. Warum nicht vergleichbares bei den Medien? Mir scheint die Qualität von Massenmedien ist für unsere Zukunft nicht weniger wichtig.

7.3. Wo man die Gesetze, nach denen die Medien funktionieren, nicht ändern kann, muss man den Umgang mit ihnen lernen. Die Medienbildung aber ist nicht nur in unseren Schulen völlig unterentwickelt.. Alleine wenn jeder einmal genötigt wäre, sich die verschiedenen Zeitungen eines Tages anzusehen und zu vergleichen, welche Themen auf die erste Seite gekommen sind und wie die Wichtigkeiten des Tages verteilt sind, dann würde er viel über diese Mediengesetze lernen. Im Blick auf die Erziehung wird in der Regel über Gewalt in den Medien geredet.. Ich halte das nicht für das Hauptproblem. Jedenfalls gehört zu guter Medienbildung viel mehr als der Umgang mit diesem Phänomen.

7.4. Das Informationszeitalter hat uns viele neue Informationsquellen eröffnet.. Sich solche Informationsquellen zu erschließen und sich dort zu informieren will gelernt sein. Schließlich hat man dadurch die Möglichkeit, sich auch mit Themen zu beschäftigen, die es nicht in die Schlagzeilen der Zeitungen gebracht haben. Ich bin gespannt, wie sich solche alternativen Informationsquellen im Zeitalter des Internet weiter entwickeln werden.

7.5. Das direkte Gespräch über die Probleme unserer Zeit ist durch nichts zu ersetzen. Es ist geradezu lebensnotwendig. Wir haben das in der zensierten Gesellschaft der DDR sehr elementar erlebt. Viele glaubten nach der Wende, dass dies nun nicht mehr so wichtig wäre, weil es ja eine offene Kommunikation in der Gesellschaft gibt. Das aber war ein Irrtum. Die Mechanismen sind zwar andere, das Gespräch aber ist für ein Verstehen der Welt nicht weniger wichtig.
 

Bücher werden signiert und dann auch noch der übliche Eintrag ins Gästebuch der Akademie:
    
"In der Hoffnung, eine vernehmbare Stimme im Lärm gewesen zu sein und ein bisschen zum Verständnis der oft gnadenlosen Mechanismen zwischen Medien und Politik beigetragen zu haben, bin ich gerne in Recklinghausen gewesen. Dank für die anregenden Gespräche! Reinhard Höppner"
 

   

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